Liturgie, Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens

I. Was bedeutet Liturgie

II. Was versteht die Kirche unter Gottesdienst?

III. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Gesagten für die Feier der Liturgie?





Liturgie, Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens


Für viele Christen äußert sich die Zugehörigkeit zur Kirche in der regelmäßigen Teilnahme an den Gottesdiensten der Gemeinde. Die Liturgie ist ein nicht wegzudenkendes Element des kirchlichen Lebens und gehört zu den Grundvollzügen kirchlichen, gemeindlichen und christlichen Lebens. Die Liturgie ist Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens. Die Liturgie ist Dienst Gottes am Menschen und Dienst der Menschen Gott gegenüber.

I. Was bedeutet Liturgie

Die Bezeichnung Liturgie stammt vom griechischen Wort "leiturgia" (Verbum: leiturgein) und ist aus aus dem Substantiv "ergon" = Werk und dem Adjektiv leitos = zum Volk gehörig zusammengesetzt. Wörtlich übersetzt, bedeutet "leiturgia" deshalb Volkswerk. Man verstand darunter die zum Wohl des Volkes geleisteten Dienste, durch wohlhabende Bürger oder einzelner Städte, wie z. B. die Ausstattung des Chores im griechischen Theater, die Ausrüstung eines Schiffes, die Bewirtung eines Volksstammes bei nationalen Festen, etc. Später verstand man darunter jede öffentliche Dienstleistung; seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. auch kultische Dienste. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des AT ( ca. 250-150 v. Chr.) verwendet den Ausdruck für den Tempeldienst der Priester und Leviten. In diesem Sinn kommt das Wort auch im NT mehrmals vor (Lk 1,23; Hebr 9,21 ; 10,11), wird aber auch in anderer Sinngebung gebraucht, etwa für caritatives Tun (z. B. 2 Kor 9, 12) und den Dienst der Engel für die Gemeinden (Hebr 1,7.14). Es findet sich auch in der Bedeutung von Gottesdienst (Apg 13,2). Einmal wird Christus "Liturge des Heiligtums und des wahren Zeltes" (Hebr 8,2) und sein Mittlerdienst "Liturgie" genannt (Hebr 8,6. Die nachapostolische Zeit kennt den Begriff "leiturgia" sowohl als Dienst für Gott wie für die Gemeinde.

II. Was versteht die Kirche unter Gottesdienst?

Wenn die Kirche von Gottesdienst spricht meint sie nicht nur die hl. Messe, sondern auch die Feier der Sakramente, wie Taufe, Firmung, Buße, Weihe, Krankensalbung, die Feier von Sakramentalien, Feiern geistlicher Gemeinschaften, wie Ordensgelübde, die Feier der Stundenliturgie, wie Laudes und Vesper und die Feier unterschiedlichster Wortgottesdienste. Durch die Feier des Gottesdienstes gibt die Kirche davon Zeugnis, dass Gott den Menschen liebt und Ihm Gutes tun will und ihnen das Heil anbietet. In der Liturgie gedenkt die Gemeinde des gesamten Heilshandeln Gottes seit Beginn der Schöpfung und seiner jeweils neuen Zuwendung. Im Gottesdienst vollzieht sich Kommunikation zwischen Gott und den Menschen - im dialogischen Geschehen der Wortverkündigung und im sakramentalen, zeichenhaften Handeln. Deshalb gehört die Liturgie zum wichtigsten gemeinschaftlichen Tun der Gläubigen. In der Liturgie geht es immer um Gemeinschaft mit Gott und um Gemeinschaft der Menschen untereinander. Im Kompendium1 ist folgendes nachzulesen (1066-1076): "Die Liturgie ist die Feier des Mysteriums Christi und besonders seines Pascha-Mysteriums. In ihr wird durch den Vollzug des priesterlichen Amtes Jesu Christi die Heiligung der Menschen bezeichnet und bewirkt und vom mystischen Leib Christi, dem Haupt und seinen Gliedern, der öffentliche Kult vollzogen, der Gott gebührt.

Die Liturgie, die heilige Handlung schlechthin, bildet den Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Lebenskraft strömt. Durch die Liturgie setzt Christus in seiner Kirche, mit ihr und durch sie das Werk unserer Erlösung fort."

Die sakramentale Heilsordnung besteht darin, durch die Feier 1(der Sakramente der Kirche, besonders durch die Eucharistie, die Früchte der Erlösung Christi zu vermitteln, "bis er kommt" (1 Kor 11, 26).

II. 1. Gottesdienst - Dienst Gottes am Menschen

Das Wort "Gottesdienst" meint für Christen immer zuerst einen Dienst Gottes am Menschen, weil die Initiative zum Heil des Menschen immer zuerst von Gott ausgeht (z.B. bei der Schöpfung, bei der Berufung Abrahams, beim Exodus Israels, bei der Menschwerdung Christi). "Gott hat uns zuerst geliebt..." (vgl. 1 Joh 4,10). Nur daraus ergibt sich, dass der Mensch Gott loben und ihm danken kann. Einer der ersten Sätze im Alten Testamen lautet: "Gott sprach". Es wird berichtet, wie alles angefangen hat, noch lange bevor der erste Mensch seinen Mund auftun konnte. Durch sein Wort ruft Gott die Schöpfung in das Sein, er trennt die Wasser am Himmel von denen auf der Erde, lässt Pflanzen und Tiere entstehen, wachsen und leben. Er spricht dem Menschen seine Würde zu und gibt ihm sein Gesetz. Gott handelt in der Geschichte. Er hat die Welt nicht nur erschaffen, sondern er begleitet seine Geschöpfe auch auf ihrem Weg durch die zeit. Er greift immer wieder in die Geschichte ein und handelt in Ihr zum heil der Menschen und seiner ganzen Schöpfung. Christliche Liturgie ist nichts anders als das sich Erinnern an dieses Wirken Gottes und die Vergegenwärtigung der andauernden Heilstaten Gottes, adressiert an die zum Gottesdienst versammelten Menschen. Immer wieder spricht Gott die Menschen an: um ihnen Weisung zu geben, um sie nach ihrer Verantwortung zu fragen, um sie zu mahnen, wenn sie Wege des Verderbens gehen, um ihnen Rettung und eine glückliche Zukunft zu verheißen, wenn sie sich auf sein Wort einlassen. Im Neuen Testamen wendet sich Gott selbst in Christus der Gemeinde mit Liebe zu und teilt sich ihr mit. Das Leben Christi beginnt mit Worten, die der Engel Maria überbringt. Maria antwortet "mir geschehe nach deinem Wort" und nimmt die Botschaft an. Hier folgt auf das Wort Gottes die menschliche Antwort. Gott spricht und der Mensch Antwortet. Jesus selbst beruft Jünger in seine Nachfolge, er vergibt Sündern und spricht sein heilendes Wort zu Kranken, Besessenen und Aussätzigen. Er lehrt seine Jünger und spricht zu den Menschen, die ihn hören wollen. Auch im Gottesdienst spricht Gott durch die Heilige Schrift zu uns Christen und wir antworten in Gesängen und Rufen.
In der Liturgie ist Gott immer der zuerst Handelnde. Dies zeigt sich darin, dass sich die Versammlung der Gläubigen als das Volk versteht, das Gott aus der Welt herausgerufen hat ("Ekklesia"). In einem bekannten Lied aus dem Gotteslob singen wir, um dies zu verdeutlichen, "Gott ruft sein Volk zusammen" (GL2 Nr. 640)
In den Lesungen und Auslegungen (Verkündigung) spricht Gott aus der menschlichen Stimme zur Gemeinde. Um dies zu verdeutlichen wird die Lesung i. d. R. mit dem Ruf "Wort des lebendigen Gottes" abgeschlossen.
In der Taufe schenkt Gott dem Menschen, ohne sein Zutun, den Geist der Kindschaft. Besonders deutlich wird dies in der Säuglingstaufe.
In der Eucharistie schenkt Gott seiner Gemeinde in den heiligen Gaben von Leib und Blut Christi sich selbst.
Auch in allen übrigen Sakramenten macht Gott den Menschen sein helfendes, versöhnendes, erneuerndes und heiligendes Angebot.
Liturgie hat primär Geschenkcharakter, indem sich die Gläubigen für die Zuwendung Gottes öffnen und ihm im Lobpreis antworten. Es entsteht eine Gemeinschaft von Gott und Mensch.
Es wird deutlich, dass es sich bei Gottesdienst nicht zuerst um ein menschliches Bemühen handelt, sondern um das Weiterwirken der Erlösung, die Gott in Jesus Christus und den Heiligen Geist vollzogen hat. Die Initiative bei der Liturgie geht von Gott aus. Damit ist Gott der Hauptträger der Liturgie. Dieses "an sich geschehen lassen" und die damit verbundene Offenheit für Gott nennt man Glaube. Der Glaube findet seinen Ausdruck in den Worten und Handlungen der Liturgie.

II. 2. Gottesdienst - Dienst der Menschen Gott gegenüber

Das Handeln Gottes bedeutet jedoch nicht, dass sich der Mensch im Gottesdienst rein passiv verhalten darf. Vom Menschen als freiem, geistbegabten Geschöpf wird zunächst die Bereitschaft zum Hören und Glauben, wie Horchen und gehorchen gefordert. Gottes Wort drängt zur Antwort durch den Menschen. Gottes Liebe, die im Gottesdienst sichtbar wird, drängt zur Gegenliebe. Gottes gnädiges Wirken ruft den Menschen zum dankenden Lobpreis. Dieser Lobpreis ist nicht die Stimme eines einzelnen Menschen, sondern einer tief greifenden mystischen Gemeinschaft, dessen Haupt Christus selber ist. Liturgie erhält somit einen zweiten Träger, die Kirche, bzw. das Volk Gottes. Die Antwort der Kirche auf das Heilshandeln Gottes an ihr, besteht in aufsteigenden Worten und Taten. Einer der ersten grundlegenden Antworten besteht darin, dass der Mensch den Dienst Gottes an sich geschehen lässt. Diese grundlegende Antwort zeigt sich in folgenden liturgischen Formen:
Der Mensch hört und bedenkt das Wort Gottes, in den Lesungen, Antwortgesängen, in Meditationen und der Homilie.
Der Mensch preist Gott und dankt ihm, indem er die großen und guten Taten Gottes nennt und preist. Die Heilstaten Gottes finden besonders im Hochgebet der Eucharistie ihren Ausdruck.
In den Fürbitten und Bitten bittet das gläubige Volk für sich und für alle, die des Beistandes Gottes besonders bedürfen und das Gott durch seinen Geist immer von neuem wirksam wird. Der Mensch trägt, seine Nöte und Ängste vor Gott.
In der Kollekte und den Gaben von Brot und Wein bringt der Mensch seine Gaben zum Altar und lässt sich so in das Opfer Christi mit hinein nehmen.
In den Bußgebeten bekennt der Mensch seine Schuld durch Vergehen und nachlässiges Verhalten und bittet um Vergebung3.
Die Begegnung zwischen Gott und Mensch im Gottesdienst findet nicht außerhalb der Welt statt, sondern inmitten der Welt. Dies zeigt sich bereits, dass Gott in Jesus Christus selbst in die Welt gekommen ist. Gott wurde Mensch. Das bedeutet, dass man diese Welt im Gottesdienst nicht hinter sich lassen muss, um Gott zu begegnen. Die Feier der Liturgie gehört zu den Grundvollzügen der Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil sieht in der Liturgie, "den Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt und als Quelle, aus der all Ihre Kraft strömt"4 . In jeder gottesdienstlichen Versammlung ist Jesus Christus, in der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde, selbst gegenwärtig. In der Feier der Liturgie gedenkt die versammelte Gemeinde Leben und Sterben Christi, dem gesamten Heilshandeln Gottes, seit Beginn der Schöpfung und seiner jeweils neuen Zuwendungen die uns Gott täglich zukommen lässt. Liturgie ist jedoch nicht nur eine Gedächtnisfeier, sondern Jesus ist real präsent in der Person des Priesters und im zu Fleisch und Blut gewandelten Brot und Wein. Im dialogischen Geschehen vom Hören auf das Wort und in den Antworten der Gemeinde, sowie im sakramentalen zeichenhaften Handeln vollzieht sich Kommunikation zwischen Gott und den Menschen. Daher ist die Liturgie das wichtigste gemeinschaftliche Handeln der Gläubigen. Träger der Liturgie sind somit nicht nur Gott, sondern auch die versammelte Gemeinde mit Jesus Christus.

III. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Gesagten für die Feier der Liturgie?

Im Christlichen Gottesdienst wirken Christus und die Kirche gemeinsam. Liturgie ist kein einseitiges geschehen Gottes oder der Gläubigen, sondern ein dialogisches geschehen zwischen Gott und seinem versammelten Volk, in dem Jesus Christus durch den Heiligen Geist in Worten und Zeichen persönlich gegenwärtig ist5. Christlicher Gottesdienst ist an das Leben Christi gebunden und damit Erinnerung (Anamnese) und Vergegenwärtigung an sein Erlösungswerk. Die Gegenwart Christi wird durch das Wirken des Heiligen Geistes ermöglicht. In der Liturgie begegnet die Kirche Gott selbst. Gott wendet sich in der Liturgie dem Menschen persönlich zu. Dies hat eine persönliche und aktive Telnahme aller Gläubigen zur Folge, was sich in den verschiedenen Liturgischen Diensten, wie Ministrant, Lektor, Kommunionhelfer, Küster, Kantor, etc. bemerkbar macht. Weil Gottes Zuwendung zum Menschen von diesem nicht unbeantwortet bleiben kann, sind die Gläubigen zur tätigen Teilnahme verpflichtet und berechtigt. Darüber hinaus, muss die Feier der Liturgie dazu beitragen eben diese Liturgie in die Welt hinauszutragen da sich Liturgie nicht nur im Ferien der Liturgie selbst vollzieht, sondern im Ganzen tun der christlichen Gemeinden aneinander und füreinander. Denn die Gemeinden der Gläubigen selbst sind Zeichen der Gegenwart Gottes in dieser Welt. Die Feier der Liturgie ist "Wurzel und Angelpunkt"6 der christlichen Gemeinde. "Diese Feier ist aber nur dann aufrichtig und vollständig, wenn sie sowohl zu den verschiedenen Werken der Nächstenliebe und zu gegenseitiger Hilfe wie auch zu missionarischer Tat und zu den vielfältigen Formen christlichen Zeugnisses führt" (PO 6). Dies hat zu Folge dass jede gläubige Gemeinde die Aufgabe hat, in der Feier der Liturgie und der Verkündigung, Gottes Handeln für die Menschen sichtbar und erfahrbar zu machen. Das Ziel der Kirche besteht in der Verherrlichung Gottes und im Dienst an den Menschen.


1 Katechismus der Katholischen Kirche (2005)
2 GL=Gotteslob
3 Vgl. Liturgie im Fernkurs, Lehrbrief 1 "Der Gottesdienst der Kirche Kap. 4.12
4 Sacrosanctum Concilium 10
5 Vgl. Lehrbrief 1, Der Gottesdienst der Kirche, Liturgie im Fernkurs.
6 PO 6 (Dekret über Dienst und Leben der Priester "Presbyterorum ordinis"